9783423280570Wer kennt sie nicht aus Kindertagen? Die großformatigen, bunten, lebendigen, schier unerschöpflichen und mit einem leisen Humor versehenen Bildwelten Ali Mitgutschs, der als Erfinder des sogenannten Wimmelbilderbuches gilt. Heute ist sein 80. Geburtstag – wir gratulieren. Und sind neugierig geworden.

Ali Mitgutsch wurde am 21. August 1935 in München geboren. In zahlreichen Interviews beschreibt er seine Kindheit als nicht besonders glücklich, bisweilen sogar als »beschissen« (Jan Pfaff: In einer eigenen Welt). Er wuchs als jüngstes Kind in einer siebenköpfigen Familie auf, die während des Zweiten Weltkriegs aus der Münchner Maxvorstadt zunächst in den Bayerischen Wald und später ins Allgäu evakuiert worden ist, wo er, das Stadtkind, ein Außenseiter war. Weiterlesen

»Blexbolex-Brikett«, so nennt die Moderatorin des Deutschlandradios im Gespräch mit Rezensentin Sylvia Schwab das Buch mit dem schlichten Titel »Ein Märchen« – der neueste Streich des in Leipzig lebenden französischen Autors und Illustrators Blexbolex. Anlass für diese Bezeichnung liefert das ungewöhnliche Format des 240 Seiten starken und etwa zehn mal zehn Zentimeter kleinen Buches, das wie ein Backstein in der Hand liegt.

Und nein, es beginnt natürlich nicht wie ein klassisches Märchen beginnen würde, die typische Einleitungsphrase à la »Es war einmal…« sucht man hier vergebens. Stattdessen kündigt eine kurze Inhaltsangabe an, was den Leser erwartet:

Diese märchenhafte Geschichte erzählt davon, was einem Kind Tag für Tag nach der Schule auf dem Nachhauseweg begegnet, und wie seine kleine Welt dabei auf einmal riesig groß wird.

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…sagt der Bärbeiß zum Tingeli. Und das will bei einem echten Bärbeiß etwas heißen. Als durch und durch schlecht gelaunter Kerl kann er wohl nicht anders, als seiner Freude auf diese Art und Weise Ausdruck zu verleihen. Die Wörterbuch-Definitionen für »bärbeißig« reichen von »auf mürrische bis grimmige Weise grob« über »brummig-unfreundlich« bis hin zu »griesgrämig und übellaunig«. »Der Bärbeiß« von Annette Pehnt, im August beim Hanser Verlag erschienen, macht seinem Namen alle Ehre. Am Anfang jedenfalls. Die neuen Nachbarn (er ist erst vor kurzem umgezogen), lassen sich davon abschrecken. Bis auf das Tingeli:

Das einzige Geschöpf, das immer wieder klingelte, war das Ting
eli. Es hatte nichts anderes zu tun, als herumzutänzeln, Nachbarn zu besuchen, Katzen zu streicheln und Blütenblätter zu zählen.

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England, Frankreich, die osteuropäischen Fantasiestaaten Syldavien und Bordurien, der Nahe Osten, Nord- und Südamerika, Tibet, China, Ägypten, der Kongo, Australien – kein Kontinent, den der junge Reporter Tim, die wohl populärste Figur des 1907 geborenen Comic-Autors und -Zeichners Hergé[1], nicht bereist hätte. Sogar der Nordpol und nicht zuletzt der Mond zählen zu seinen Destinationen. Langweilig ist anders. Dass der Künstler, der Belgien zum ersten Mal 1925 mit den Pfadfindern verlassen hat, Zeit seines Lebens wenig verreist ist, mag man kaum glauben. Vor allem dann nicht, wenn man sieht mit welcher Akribie er die verschiedenen Länder, Völker und Kulturen, von der Architektur über die Kleidung, Technik und andere abgebildete Gegenstände bis hin zu kleinsten Details wie einem Zigarettenpapier darzustellen vermag. Weiterlesen

Hierzulande nennt man die orangefarbenen Zitrusfrüchte Apfelsinen. Darin (wie auch im niederländischen »appelsien«) klingt noch die ursprüngliche Herkunft der Früchte an – China. Doch Linus, der Protagonist in Truus Mattis Roman »Apfelsinen für Mister Orange«, nennt den Mann, dessen Namen sich der Sohn eines Obst- und Gemüsehändlers nicht merken kann und dem er alle zwei Wochen eine Kiste mit besagtem Obst ins Atelier bringt, einfach »Mister Orange«. Das ist wenig verwunderlich, spielt die Geschichte doch auch in New York.

Linus, der tagsüber mit seinem Obst- und Gemüsekarren durch die Straßen von Manhattan zieht, hat diese Aufgabe genau wie die neuen, noch etwas zu großen Schuhe, vom älteren Bruder Apke (eigentlich Alfred) geerbt, der im Laufe des Romans als freiwilliger Soldat in den Zweiten Weltkrieg ziehen wird. Doch der Reihe nach. Weiterlesen

Auch wenn die letzten Schokoladenhasen vielleicht noch übrig geblieben sind, Ostern ist schon eine Weile her. Das soll für uns aber kein Grund sein, Büchern, in denen Hasen vorkommen, erst im nächsten Jahr wieder Beachtung zu schenken. Erst recht dann nicht, wenn sie so genial sind wie das der englischen Künstlerin Philippa Leathers. »Schwarzhase«, so heißt ihr (erstes!) Bilderbuch, und ein Hase spielt, wer hätte es gedacht, die Hauptrolle. Das klingt zunächst einmal banal und Hasen(bilder)bücher gibt es viele, auch aus England: Beatrix Potters »Peter Hase«, den Klassiker »Die Häschenschule« hierzulande oder Helme Heines »Hase mit der roten Nase«, um nur einige von ihnen zu nennen. Aber »Schwarzhase« ist anders. Weiterlesen

sagte der Bär zu dem Jungen, als der Junge an Bord ging. »Richtige« Namen haben die beiden Protagonisten in Dave Sheltons Roman »Bär im Boot« nicht, sie sind einfach der Junge und der Bär. Und das macht auch gar nichts, denn das Figurenspektrum im Roman ist recht übersichtlich, die beiden bleiben unter sich. Genauso offen wie die Namensfrage lässt der Autor die Fragen, woher der Junge kommt, warum er zu einem sprechenden (!) Bären ins Boot steigt und wohin genau die Fahrt gehen soll. Lediglich, dass der Junge »auf die andere Seite« möchte, erfährt der Leser. Und wer aufmerksam liest, findet noch einen Hinweis auf die Herkunft des Jungen, aber ob die kleine Küstenstadt in Norfolk auch Ausgangspunkt seiner Reise ist, wissen wir natürlich nicht. Überhaupt spielen diese Dinge eine untergeordnete, eigentlich gar keine Rolle in dem Roman. Der Schwerpunkt liegt auf den beiden Hauptfiguren, auf dem Bär und dem Jungen und auf ihrer (Über)Fahrt über das Meer. Weiterlesen

…fragt ein Vater seinen Nachwuchs am Buffet, schließlich steht der frühkindliche und spielerische Erwerb von Fremdsprachenkennt-nissen heutzutage vielerorts hoch im Kurs. Dass der Vater hier selbst »Nachholbedarf« hätte, macht die Situation so komisch. In »So ein Tag. Familienskizzen« versammelt Philip Waechter insgesamt 76 Tage, 76 Szenen aus dem Alltag einer ganz normalen Familie mit Kind – in Frankfurt am Main. Weiterlesen

Zugegeben, bis der 14jährige Protagonist in Louis Jensens Roman »33 Cent – um ein Leben zu retten« auszieht – was in seinem Fall bedeutet, dass er sich zusammen mit Freundin Anne in einem gestohlenen Supermarkt-Lkw voller Lebensmittel auf den Weg gen Marokko macht – dauert es eine Weile. Aber der Reihe nach. Mit dem Wissen, dass man nur 33 Cent am Tag braucht, um ein afrikanisches Kind vor dem Verhungern zu retten, fängt für ihn, der gleichzeitig auch Erzähler ist, alles an.

Er beschließt zu handeln. Zunächst bewegt er sich dabei noch auf der legalen Seite, verkauft die Hälfte seiner eigenen Sachen, sammelt Spenden, fängt an, in einem Supermarkt zu arbeiten und geht nur noch jeden zweiten Tag zur Schule, um mehr Geld verdienen zu können. Aber dabei bleibt es nicht, es folgen Ladendiebstähle, schließlich beklaut er auch seinen Vater, einen Richter, indem er Geld von dessen Konto nach Afrika überweist. Weiterlesen

Alles beginnt mit einem Apfelbaum. Genauer gesagt mit dem Apfelbaum von Herrn Schnippel. Weil sein Apfelbaum in diesem Jahr sehr viele Äpfel trägt, beschließt Herr Schnippel, sie zu verschenken. Er legt die schönsten Äpfel in einen Korb, klebt einen Zettel mit der Aufschrift »Zum Mitnehmen« daran und stellt den Korb vor seinen Gartenzaun. Das ist gewissermaßen die Initialzündung für eine Kettenreaktion von Ereignissen. Der Schweizer Bilderbuchautor Lorenz Pauli hat mit »Zum Mitnehmen« eine amüsante Verwechslungsgeschichte geschrieben, die von Miriam Zedelius farbenfrohen Illustrationen begleitet wird. Weiterlesen

Als Thienemann-Verleger Klaus Willberg vor einer Woche bekanntgab, Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker »Die kleine Hexe« für die kolorierte Neuausgabe, die im Juli diesen Jahres erscheinen soll, sprachlich überarbeiten zu wollen, war der öffentliche Protest groß. Willberg spricht von einem »shitsorm«, der über ihn hereingebrochen ist[1].

Ehrenwert ist mit Sicherheit, dass der Thienemann-Verlag sich verantwortlich für seine Texte fühlt und durch die sprachlichen Anpassungen verhindern möchte, dass es zu Missverständnissen kommt. Schade ist, dass der Verlag seinen Lesern den Umgang mit dem Original offenbar nicht mehr zutraut. Weiterlesen

Das sollte es zumindest, damit am Samstag das Sams kommt. Der Schöpfer dieses rothaarigen Wesens mit blauen Punkten im Gesicht und »prallrundem Trommelbauch«, das immer einen vorlauten Spruch auf den Lippen hat, ist Paul Maar. Heute ist sein 75. Geburtstag. Wir gratulieren und nehmen dieses Jubiläum als Anlass, einen Blick auf Maars Biographie zu werfen.

Paul Maar wurde am 13. Dezember 1937 in Schweinfurt geboren. Nachdem seine Mutter früh gestorben war und sein Vater wieder geheiratet hatte, wuchs er weitgehend bei seinen neuen Großeltern in Theres, einem kleinen Dorf in der Nähe von Schweinfurt, auf. Er selbst sagt über seine Kindheit, dass sie nicht besonders glücklich war, vor allem das Verhältnis zum seinem Vater sei schwierig gewesen:

Ich hatte keine sonnige Bullerbü-Kindheit, eher deren krasses Gegenteil. Zuweilen kommt mir sowieso der Verdacht, daß meine Kolleginnen und Kollegen, die sich ganz dem Schreiben von Kinderbüchern verschrieben haben, eine von der allgemeinen Norm abweichende Kindheit hatten, extremer als andere Kinder: glücklicher oder zerstörter.

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