31gvRQpPobL._SX321_BO1,204,203,200_Peter Kurzeck ist tot und das ist einfach eine verdammte Schande, anders kann man das wirklich nicht ausdrücken. Nicht nur, dass mit dem im November 2013 verstorbenen Autor einer der bedeutendsten und gleichzeitig im Verhältnis kaum wahrgenommenen Gegenwartsliteraten verloren ging, Kurzeck starb auch noch, bevor er sein Opus Magnus, die mehrbändige Chronik „Das alte Jahrhundert“ beenden konnte. Nun erschien, als kleiner Trost für all die, die Peter Kurzeck kannten und schätzten, „Bis er kommt“ im wunderbaren Verlag Stroemfeld/Roter Stern: der letzte, fragmentarische Band der Reihe, an dem der Autor bis kurz vor seinem Tod gearbeitet hatte.

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31cbJx9xSZL._SX300_BO1,204,203,200_In »Terror« wird der Luftwaffenmajor Lars Koch angeklagt, 164 Menschen umgebracht zu haben. Er hat ein von einem Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abgeschossen, das dabei war, in die Münchner Allianz Arena zu stürzen. An jenem Tag fand im ausverkauften Stadion, in dem sich 70.000 Zuschauer befanden, das Länderspiel Deutschland gegen England statt. Koch und ein weiterer Eurofighterpilot sollten das Flugzeug abdrängen und zur Landung zu zwingen. Nachdem dies misslang, sollte ein Warnschuss abgegeben werden. Doch nichts davon zeigte Wirkung. Koch schlug vor, das Flugzeug abzuschießen. Der Verteidigungsminister war dagegen, gab es an Kochs Vorgesetzten, Generalleutnant Radtke weiter, der es an Koch weitergab. »Wenn ich jetzt nicht schieße, werden Zehntausende sterben«, schrie Koch und schoss das Flugzeug ab.

Ferdinand von Schirachs Theaterstück mit dem erschlagend endgültigen Titel »Terror« ist nicht einfach nur ein Theaterstück. Es ist ein Theaterstück zum Mitmachen. Man darf, wenn man ins Theater geht, Richter (bzw. Schöffe) spielen und über den Ausgang des Stücks (Freispruch oder Verurteilung) entscheiden. Justiz mit Gimmick! Als Leser ist man jedoch zur Passivität verdammt und muss sich damit begnügen, beide Urteile hintereinander zu lesen.

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9783551769046Sie hat nicht lange auf sich warten lassen, die Fortsetzung des Ende letzten Jahres erschienen Mangas »Wet Moon«: Atsushi Kaneko entführt die Leser wieder in die düsteren Welten Japans der 60er Jahre und erzählt die verworrene Geschichte rund um den von Amnesie geplagten Protagonisten Inspektor Sata, die japanische Mondmission und einen Korruptionsskandal innerhalb der Polizei weiter. Dabei ist es ebenso erfrischend wie traurig zu hören, dass die Reihe nicht als endlose Serie mit zig Bänden geplant ist, sondern vielmehr mit dem dritten Buch (Erscheinungstermin: 30.05.) enden wird.

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51BvMjh8CRL._SX304_BO1,204,203,200_Eines vorweg: Dieses Buch zu lesen ist wie im Dreck zu baden. Oder wie einen mit Bier verdünnten Aschenbecher auszutrinken (was so ähnlich im Roman auch vorkommt). Dieses Buch zu lesen heißt, selbst den Goldenen Handschuh zu betreten, »Hohe Klasse« oder »Fako« (Fanta-Korn) zu trinken, die Kopfschmerzen, die Hirngespinste, die Ausfall- und Entzugserscheinungen der Figuren mitzuerleben und die Houellebecq’sche Sicht auf den Menschen zu teilen. »Der goldene Handschuh« ist ein rasendes, nihilistisches Werk; eine Geisterbahnfahrt durch die elendigsten Köpfe St. Paulis; ein Tagesausflug ins pathologisch Perverse; ein Blockbuster des Elends.

Heinz Strunk hat in seinem Roman eine Parallelwelt porträtiert, die man so oder so ähnlich zwar schon bei Bukowski und Fauser gesehen hat, aber gänzlich ohne deren durch den Alkohol verklärten Blick, ohne den romantisierenden Schleier auskommt, der noch die übelste Spelunke in feinste Sepiafarben taucht und noch den letzten Scheißtag poetisiert. Doch diese Radikalität überrascht nicht, handelt es sich hier schließlich um die Geschichte eines Serienmörders: Fritz Honka hat zwischen 1970 und 75 vier Frauen auf bestialische Art und Weise umgebracht.

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u1_978-3-10-002388-9Beinahe bekommt man den Eindruck, Slavoj Žižek würde schneller Bücher schreiben, als man sie als Normalsterblicher überhaupt lesen könnte. Denn nicht nur erschien 2015 der Essay »Blasphemische Gedanken« bei Ullstein, nun wartet bei Fischer bereits das nächste Werk auf eifrige Leser. »Ärger im Paradies« lautet der Titel. Und wie direkt im Vorwort etwaigen Unwissenden erklärt wird, handelt es sich dabei selbstverständlich um eine Hommage an Ernst Lubitschs Filmkomödie TROUBLE IN PARADISE von 1931.

Dabei steckt in der Wahl des Buchtitels mehr Bedeutung verborgen als die einer banalen Zitation, vielmehr dient der ebenso simple wie tiefgründige Plot des Films – die Geschichte eines geschickten Diebes-Liebespaars, das durch eine Dreiecksbeziehung an den Rande des Abgrunds gerät – als Aufhänger für die Thematik des Buches.

Denn ebenso wie der männliche Protagonist Gaston zwischen seiner Komplizin Lily und der reichen Bürgerin Mariette hin- und hergerissen ist, so kann man auch die derzeitige Weltpolitik als in einem Schwebezustand zwischen Revolution und Reaktionismus erachten. Wie sich bereits erahnen lässt, dreht es sich diesmal um weitaus konkretere Themen als in Žižeks zuletzt bei Fischer verlegtem Band »Was ist ein Ereignis?«, doch stehen die beiden Bücher – nicht zuletzt wegen der gleichen Cover – in einer gewissen Relation zueinander. In »Event«, wie der Originaltitel des ersten Werks lautet, legte der Autor einen gewissen theoretischen Grundstein (natürlich nicht, ohne diesen, ganz in žižekscher Manier mit filmischen Beispielen zu schmücken), während »Trouble in Paradise«, das in englischer Sprache übrigens ebenfalls 2014 erschien, nun Bezug auf die aktuelle Weltpolitik nimmt.

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9783869710082Kürzlich berichteten Medien über den Tod eines Delfins. Ein Selfie-wütiger Mob quälte das Tier mit den gierigen Linsen seiner Smartphone-Kameras, bis der Delfin schließlich austrocknete und erstickte. Herausgezerrt aus dem argentinischen Meer – missbraucht für Quality-Time-Schnappschüsse, die auf Mini-Chips und Cloudspeichern begraben werden.

Nicht weniger befremdlich ist die Zerstörung von Korallenriffen durch den Microsoft-Gründer Paul Allen. Der Anker seiner Jacht riss vor wenigen Wochen tiefe Krater in die Unterwasserwelt der Cayman-Inseln. Ein Versehen, laut Allen.

Dass eine derart märchenhafte und sensible Landschaft vernichtet wird – nicht zwingend überraschend. Man kennt die Angewohnheit der Menschheit, sich den Vorteilen seiner Umwelt bis zu deren Kollaps zu bedienen, und erst nachdem die Profite vollends abgeschöpft sind, Einsicht vorzugaukeln. Schwamm drüber.

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51umf44i8FL._SX314_BO1,204,203,200_Der französische Autor Jean Prévost starb zwei Tode, wenn man seinem Biographen Jérôme Garcin glauben darf. Den ersten starb er durch die Deutschen, die ihn 1944 als Partisan in der Nähe von Grenoble erschossen. Die zweite Ermordung erfolgte durch die Französische Leserschaft, die den gefeierten Vorkriegsliteraten nach Ende des Zweiten Weltkriegs einfach vergaß, mit einer grausam systematischen Gleichgültigkeit. Zumindest aus dem zweiten Grab hebt man den Vergessenen nun wieder heraus, wobei jedoch die Frage besteht, ob es sich lohnt, Jean Prévost wiederzubeleben, dessen einzige weltliterarische Spur einzig Hemingway zu sein scheint, der sich beim Boxen einen Daumen am harten Schädel des Franzosen brach.

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B0031Man muss den Verlag Hans Schiler aus Berlin einfach bewundern. Nicht nur, dass es das kleine Team Jahr für Jahr schafft, ein Programm auf die Beine zu stellen, das es durchaus mit dem der „Großen“ aufnehmen kann. Die veröffentlichen Werke haben auch stets eine Qualität, die man sich bei manch anderem Verlag wünschen würde. Diese Qualität reicht von dem Niveau der Texte über die editorische Gestaltung bis hin zur Vermarktung – wobei letztere heutzutage gerade bei Independent-Verlagen vermutlich den entscheidendsten Faktor ausmacht, denn auch der beste Roman geht unter, wenn man ihn nirgendwo kaufen kann.

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Plan B Cover
»Zum ersten Mal wissen wir, dass es nichts gibt, jenseits von uns selbst … Draußen wirbelt die Galaxie vorbei, unbeachtet, gewaltig, schillernd.«

Denis Scheck nennt sie die »weibliche Antwort« auf Ernest Hemingway. Zwischen 1967 und 1987 waren ihre Romane und Kurzgeschichten die Trendsetter des Sience-Fiction-Genres und jedes Jahr wird ein Literaturpreis in ihrem Namen für Genre-Werke, die Geschlechterrollen diskutieren und erweitern, vergeben. Die Rede ist von Alice B. Sheldon, besser bekannt unter ihrem männlichen Pseudonym: James Tiptree Jr.


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Youtube-Stars, Blogger und Doku-Soap-Darsteller: Alles unsägliche Zeitgenossen, denen das Geschenk des Lebens verwehrt sein sollte. So die Einschätzung des Mörders, der im fünften Band der Krimi-Reihe »Die Menschen, die es nicht verdienen« von Hjorth&Rosenfeldt sein Unwesen in der schwedischen Medienszene treibt.

Sternchen um Sternchen des Trivial-Fernsehens sowie der digitalen Parallelwelt sterben per Bolzenschuss, bis die Strippenzieher und Realisatoren des kulturellen Untergangs ebenso gerichtet werden. Der Tod klettert die Verblödungspyramide Stück für Stück nach oben. Ein Rundumschlag. Brachial und nordisch blutig.

Der Mörder, ein Retter der Hochkultur? Einer, der akademische Bildung als absoluten Wert, als Identität der aufgeklärten und selbstbestimmten Gesellschaft begreift? So zumindest sind die Gedanken des Mannes einzuordnen, der nicht bestandene Wissenstests auf die Rücken seiner Opfer tackert.

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1448896309001Wer kennt ihn nicht, den Albtraum, man sitzt bei „Wer wird Millionär“ auf dem heißen Stuhl und weiß die Antwort auf die Frage nicht, obwohl man sie doch eigentlich wissen sollte. Und dann fällt einem plötzlich auf, dass man vergessen hat, eine Hose anzuziehen. Zumindest mit der erstgenannten Komponente setzt sich Dierk Wolters in seinem Roman auseinander, der sich bemüht, in Sachen Titellänge Frank Witzel den Rang abzulaufen: »Die Hundertfünfundzwanzigtausend-Euro-Frage« heißt er, ein Titel, der ebenso umfangreich wie programmatisch ist, denn um nichts anderes geht es. Oder?

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