Dorothee Coppe ist eine erfolgreiche Künstlerin, aber der Erfolg macht ihr Leben weder einfacher noch besser. Ein kleines Mädchen entkommt seinen Verfolgern, findet Unterschlupf bei einem Kriegsveteran namens Gunter und wird schließlich selbst zur Polizei. Adrians erste und einzige Liebe ist die quantenmechanische Wellenfunktion. Die Medienbranche ist vollends auf den Hund gekommen. Josef Stasi hat Eheprobleme, seine Frau hat darunter besonders zu leiden. Ein Aktivist verwandelt sich als letzte Form des Protests in eine lebende Fackel, »weil die Leute sich unter Unglück mehr vorstellen können als unter Unrecht«. Derweil lauert am Horizont eine Katastrophe mit dem merkwürdigen Namen Kammonikutain. Und im Jahr Zweitausenddreißig sind Identitäten nur mehr elektronisch gespeicherte Datensätze und fassen einander trotzdem an der Hand.

Der tolle, steile Quatsch, den wir im sorglosen Sommer treiben: Wird er uns wärmen, im Winter?

Es besteht kein Zweifel: Dietmar Daths »Kleine Polizei im Schnee« ist die ganze Welt in einem Erzählband, zwischen schicken grauen Leinen mit pinkfarbener Prägung, und den großen Romanen darin gar nicht unähnlich. Die Welt, nicht nur wie sie ist, sondern auch wie sie sein könnte, vielleicht sein sollte. Da treffen fantastische Spinnereien auf eindringliche Beobachtungen, da wimmelt es von gleichermaßen absurden wie zwingenden Einfällen, da werden Wissenschaft und Technik, Kultur und Gesellschaft so virtuos miteinander vermengt, dass sich auch beim Leser nach kurzer Zeit erste Schwindelgefühle einstellen. Es ist ein bisweilen angenehmer Zustand der Überforderung, der den Leser bei der Lektüre befällt und ihm eine Ahnung davon gibt, wie Literatur im besten Fall sein kann: fantastisch überhöht und doch so nah. Aber auch komplex, sperrig, voraussetzungsreich, mitunter enervierend. Literatur als großes Rätsel.

Es gibt Lügen, die man annehmen musste – das hieß Nachrichten und Information – und andere, die man mehrdeutiger behandeln konnte, das hieß dann Literatur.

Der Rätselcharakter ist von Anfang an allgegenwärtig und hält alles zusammen. Verglichen mit den grandiosen Romanen fehlt den Erzählminiaturen in »Kleine Polizei im Schnee« nämlich bisweilen die erzählerische Dichte, die den Leser ganz in die fantastischen Welten eintauchen lässt. Die kürzeren unter ihnen, oft nur wenige Seiten umfassend, sind schnell gelesen. Und wären wohl trotz ihrer sprachlichen Brillanz auch bald wieder vergessen, wären da nicht die zahlreichen offenen Fragen: Wer ist eigentlich dieser Farczády und was sind seine Motive? Warum heißt die Katastrophe Kammonikutain und worin besteht sie eigentlich? Und bedeutet die Katastrophe wirklich das Ende oder lügt die Bild-Zeitung einmal mehr? Erst gegen Ende bekommt der Leser zumindest eine vage Ahnung davon, wie das eine mit dem andern, das Große mit dem Kleinen und das Nahe mit dem ach so Fernen womöglich zusammenhängen könnte. Denn viele der Erzählungen sind mal mehr, mal weniger offensichtlich miteinander verbunden, beantworten einander und werfen im selben Augenblick doch schon wieder neue Fragen auf. Wie gesagt: Literatur als großes Rätsel.

Ist die Oktave eigentlich verliebt, und wenn ja, in was?

Und so gesehen kann man »Kleine Polizei im Schnee« mit einigen Abstrichen doch fast wieder wie einen Roman lesen. Das oben beschriebenes Manko bleibt allerdings bestehen. Knappheit und Kürze haben nicht nur Vorteile, wenngleich die Erzählungen besonders all jenen ans Herz zu legen sind, die bisher einen weiten Bogen um Dath gemacht haben. Solche Menschen, man glaubt es kaum, soll es ja tatsächlich geben. Wer aber mit dem Einfallsreichtum und der Überdrehtheit von »Kleine Polizei im Schnee« schon überfordert ist, der wird wohl auch an Daths längeren Romanen keinen Gefallen finden. Allen anderen offenbart sich hier im Kleinen, was Daths Texte so besonders und großartig macht. Sie zeigen, was in der Literatur alles geht. Und das ist: alles.

 

Dietmar Dath: »Kleine Polizei im Schnee.« Verbrecher Verlag: Berlin 2012. 

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